Eine Meinung haben …

Wenn ich eine Meinung habe nehme ich Position ein. Und wenn ich meine Meinung nicht sagen darf, dann steckt sie in einem drin. Ich merke wie sie in mir drin steckt und im wahrsten Sinne des Wortes „fress“ ich oft sehr viel in mich hinein. Ich frage mich, warum mache ich das?

Die Antwort ist, wie so oft ganz einfach, wenn ich meine Meinung sage, dann gefalle ich damit nicht jedem. Manchmal habe ich schon gehört, dass man bei mir ein verstecktes „Agressionspotenzial“ sieht. 

Ja und tatsächlich besteht die Gefahr, wenn ich mich immer alles in mich „hinein fresse“ das ich irgendwann nicht mehr durch die Tür passe und explodiere. Und vielleicht ist es deshalb so wichtig, dass ich mich hier über diesen Kanal äußere … 

Genau da fängt es auch schon an. Ich gehöre nicht zu den Menschen, denen es leicht fällt zu sprechen. Tatsächlich glaube ich, dass ich das noch lernen darf. Ich habe mir schon als Kind angewöhnt einfach den Mund zu halten. Daher war das Schreiben schon immer ein Mittel für mich um mich zu äußern. Und das bringt mich wiederum genau an den Punkt, der mir so auf dem Herzen liegt. Wie äußere ich meine Meinung???

Ich merke, dass ich überhaupt nicht damit klar komme, wenn jemand auf sehr bestimmte Art seine Meinung äußert und einem zu verstehen gibt, dass seine Ansicht für ihn die einzig richtig ist. So dass man sich – zumindest ich – gar nicht mehr getraut eine andere Ansicht zu äußern. Ich frage mich dann immer, müsste ich mich jetzt dagegen stellen? Das Risiko eingehen, dass der andere mich doof findet? Die Gefahr, dass ich mich rechtfertigen muss für meine Meinung? Ich merke, dass ich mich nicht rechtfertigen möchte! Ich gebe dem anderen doch auch das Recht in seiner Meinung bleiben zu dürfen.

Und genau darin liegt in meinen Augen die große Gefahr der Trennung, die gerade jetzt so deutlich hervor tritt bei vielen. Wir sind so schnell dabei, andere für ihre Meinung abzuwerten und zu denken, der ist doof und stellen uns damit über den anderen. Und ja, ich kann das fühlen. Ich fühle, wenn mich jemand ablehnt weil ich eine andere Meinung habe. Dieses Gefühl der Ablehnung macht mich traurig und dann bin ich gefangen in mir selbst. Ich bin gefangen in meiner Angst – in der Angst vor Ablehnung und diese Traurigkeit fühlen zu müssen.

Ich habe mich gefragt, wie durchbreche ich diesen Kreislauf? Wie kann ich meine Meinung äußern ohne die Angst, dass mich jemand ablehnen könnte? Dafür schaffe ich mir innerlich immer mehr drei Säulen, die mir Kraft geben meinen Angst zu überwinden. Die erste Säule ist die Aussage von Tulku Lobsang (buddhistischer Meister) „ Wer Recht hat verändert sich nicht.“ Was mich immer mehr im Grunde zu der nächsten Säule führt: „Den anderen anerkennen“ Ein Satz von meinem schamanischen Lehrer, Angaangaq

Wenn ich dem anderen anerkenne, dann erkenne ich auch seine Meinung an ohne ihn abzuwerten. „Ich höre ihm zu.“ Und das ist die dritte Säule. Dem anderen zuhören. Ich lerne immer mehr, was für eine hohe Kunst es ist, dem anderen erst mal zuzuhören. Zuhören, wie derjenige zu seiner Meinung kommt. Ich erkenne ihn an ohne Wertung und kann ihn in seiner Meinung lassen auch wenn ich ganz anderer Meinung bin. 

Immer wieder stelle ich fest, dass so der Weg offen ist für einen Austausch auf Augenhöhe. Erst dann kann ich meine Meinung äußern, wenn ich dem anderen zugehört habe. Erst dann habe ich die Chance, dass der andere auch mir zuhört. Ich merke, dass ich so den Kreislauf immer mehr für mich durchbreche. Auf diese Weise habe ich in den letzten Wochen mit vielen Menschen wirklich schöne Gespräche geführt.

Aber ich merke auch, dass es oft eine sinnvolle Schutzhaltung für mich ist, wenn der andere noch nicht breit ist auch mir zuzuhören. Aber was mache ich damit? Es in mich weiter hinein fressen? Ja, manchmal fühle ich mich immer noch schwach und stopfe an der Stelle das Loch mit Dingen, die mir nicht gut tun.

Und jetzt wo ich mich hier über das Schreiben äußere, merke ich, dass ich für mich eine vierte Säule brauche und erinnere mich dabei an Thich Nhat Hanh. Er beschreibt in seinem Buch „achtsam sprechen – achtsam zuhören“, dass wir zuerst in die Verbindung mit uns selbst gehen müssen. Wir müssen lernen uns selbst zuzuhören und Mitgefühl entwickeln.

Es erinnert mich daran, dass ich nie aus meiner Liebe gehen möchte und mich anerkennen möchte. Und bin letztlich wieder da, wo ich am Ende fast immer lande. Es liegt immer nur daran, wie ich zu mir selbst bin … wie ich zu meiner Meinung stehe.

Halte ich an meiner Meinung fest und lasse keine andere gelten, dann bin ich gefangen in mir. Lass ich sie los und setze sie frei ohne angst und Wertung – in Liebe – dann gestehe ich das jedem anderen genauso zu. Ich kann ihn frei lassen – den letztlich steht immer die Frage im Raum: „Wer hat Recht?“

Und was mache ich mit meinen ganzen angefressenen Meinungen? Ich werde sie heute Abend mit ans Feuer nehmen und sie dort hinein werfen. Und ich hoffe, dass es mich ein Stück weit befreit von meiner Angst mich nicht so äußern zu können, wie ich es gerade empfinde und bin gleichzeitig ganz liebevoll zu mir. Den ich weiß, dass die Theorie etwas ganz wunderbares ist, aber dass die Praxis immer eine lange Übung ist … ich versuche einfach weiter zu üben… <3

Rückbesinnung – Wir können jederzeit von vorn beginnen

Mir klingen die Worte von Dieter Hallervorden in den Ohren. Ich hörte ihn sagen „Wir müssen einmal mehr aufstehen als wir hingefallen sind.“ Der Spruch ist mir keineswegs neu. Aber wie so oft, kam er genau im richtigen Moment zu mir … dabei dachte ich gestern noch, wie leid ich diese ganzen Weisheiten und Sprüche habe. Wir sind voll davon. Und mit diesen Gedanken legte ich auch die Idee beiseite, einen Adventskalender mit noch mehr Weisheiten ins Leben zu rufen.

Gleichzeitig geriet ich in einen Strudel von – Wem nützt es schon, dass ich mich brav an alles halte, was man alles machen sollte. Also was soll`s immer rein mit noch einem Plätzchen und irgendwelchen Spielchen am Smartphone. Abschalten – nichts tun – kann doch nicht so schwer sein. Ich habe es jetzt verdient mir was „Gutes“ zu tun.

Blöd nur, dass es mir dabei immer schlechter ging anstatt besser … Sollte ich es nicht langsam besser wissen? Wieder ein Rückfall in meine alten Muster … Was tut mir den jetzt wirklich Gut? Immer wieder musste ich mich an die Menschen erinnern, wie z.B unsere Nonnen & Mönche oder die Yogis. Sie leben nach bestimmten Regeln – sind diszipliniert… Und dann immer wieder die Worte in meinem inneren Ohr aus dem Vaterunser „Und führe uns nicht in Versuchung …“

Oh je dachte ich, kann mir das bitte mal einer erklären ??? Wieso sollte man sich den so disziplinieren??? Es kann doch nicht so dramatisch sein, wenn ich mal davon abkomme … was ist das für ein Leben sich so zu disziplinieren ???

Anderseits, dass ich so wenig Disziplin habe, gibt mir zwar vielleicht in dem Moment ein „Hochgefühl“ aber nur für kurze Zeit. Langfristig gesehen, schade ich mir mehr als dass es mir gut tut. Wäre es vielleicht doch besser mehr Disziplin an den Tag zu legen??? …

Langsam beginne ich einen Sinn darin zu sehen. Die Menschen, die jeden Tag ins Gebet gehen und sich immer wieder an das Göttliche erinnern – an ihren spirituellen Flügel – haben einen deutlichen Vorteil. Sie lassen sich nicht so schnell in Versuchung führen – sie werden dadurch viel achtsamer. Mir wird klar, dass sie damit auch ihre Verantwortung ernst nehmen, die wir alle gegenüber unseren Mitmenschen und auch unserer Erde haben. Sie versuchen im Einklang zu leben mit allem.

Mir wird klar wie schön es ist, erinnert zu werden immer wieder. Ich sehe die vielen Worte im Internet oder in den Büchern jetzt mit Dankbarkeit an. Das ein oder andere landet doch dann doch bei mir. Und wenn ich merke, dass es zu viel für meine Kopf ist, dann hat es auch einen großen Vorteil. Ich lasse es an mir vorbei fließen und mache die Augen zu, damit ich meine eigene Weisheit hören kann. Das erinnert mich wiederum an die Aussage „Triffst du Buddha unterwegs, dann töte ihn.“ Was nichts anders heißt als: Prüfe alles in dir, ob es für dich stimmt…

Und in diesem Sinn, wird das ein oder andere Wort, was ich hier schreibe vielleicht bei jemanden ankommen und bei den meisten vorbei fließen … und ich darf lernen, dass es ok ist, denn es geht mir ja oft nicht anders. Jedes Wort, was aus dem Herzen fließt darf in die Welt …

Jedenfalls weiß ich jetzt, dass ich wirklich dankbar bin für die vielen Erinnerungen, die ich auf den Weg gelegt bekomme … so wie die von mir geliebten Sprüche auf den Yogitees. Ich weiß jetzt das es mehr Sinn macht für mich der ein oder anderen Versuchung zu widerstehen und mich jeden Tag Rückbesinnen möchte. Ich weiß, dass ich das nicht nur für mich mache. Mich haben vor allem diese Worte zurück besinnen lassen aus dem Thomas Evangelium von K.O. Schmidt :

“ ICH BIN DU“ – „DU BIST ICH“

Wir sind niemals getrennt. Unser denken und handeln hat immer eine Auswirkung auf alles andere. Ich hoffe, dass ich mich daran jeden Tag erinnere…

Zum Abschluss möchte ich euch eine Auszug aus dem Thomas Evangelium von K.O.Schmidt hier da lassen. Es ist meine ganz persönliche Bibel, die mich immer wieder begleite. Es ist sehr christlich, aber am Ende passt es von Sinn her, meiner Ansicht nach, in jede andere Religion:

(Seite 74) 17.REICHTUM VON INNEN

„Ich werde euch geben, was kein Auge gesehen, kein Ohr vernommen und keine Hand berührt hat, und was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist.“

Diese Verheißung meint die Fülle des Reiches Gottes, die man nicht mit Leibesaugen sehen, mit den Ohren vernehmen, mit den Händen greifen oder mit den Gedanken ersinnen kann, weil sie geistiger Art ist und beseligender als alles, was die Welt an Freuden geben kann.

Zu dieser Fülle gelangt nicht, wer an äußeren Dingen haftet, sondern nur, wer sich ein-wärts wendet und das Größere findet, von dem die Welt nichts weiß.

Das macht uns ein weiteres überliefertes Herrenwort vom innern Reichtum noch von einer anderen Seite bewusst: „Der Mann wird als reich in Gott erachtet, der erkannt hat, dass das Alte aus der alten Zeit neu und das Neue alt ist. Siebe, ich mache alles neu.“

Wer hinter den neusten Nachrichten und Dingen herjagt, nur das jeweils Neue für das Beste und Wichtigste hält, wird von Christus arm genannt, weil er, den Sinnen folgend, den Sinn verfehlt und, solange er Täuschungen verfällt, Enttäuschungen erfährt.

Den nichts wird schneller alt als das Neue; und nur wenige Menschen lernen aus der Geschichte, dass der Mensch aus der Geschichte nichts lernt.

Und nichts macht schneller alt als die Sucht und Suche nach immer neuen Dingen und Formen, die in der bitteren Einsicht endet, dass nichts Endgültiges gewonnen ward und das Wesentliche verloren ging …

Hingegen gilt der als „reich in Gott“, der nicht den neusten Ereignissen und Dingen nachjagt, um bei allem dabei zu sein, sondern immer bei sich und seiner selbst bewußt und gewiß ist, sich vom zeitlosen Geist der Wahrheit leiten läßt und unbeirrt seinen Weg zum Licht geht. Ihm ist das Neue alt, während die uralten Wahrheiten und Weisheiten der Erwachten aller Zeiten ewig neu sind und ihm zu Förderern werden auf seinem Weg immerwährende Erneuerung.

Er sieht sich selbst, die Welt und das Leben im aufsteigenden Licht des Inneren täglich neu. Jede Begegnung mit anderen Wesen oder dem Schicksal offenbart ihm neue Beglückungen und tiefere Wunder und Einsichten. Und je lebendiger er zum Christus in ihm erwacht, desto heller flammt seine Freude über das Neuwerden aller Dinge und über den neuen Geist, der alles durchstrahlt und durchgottet.

Über allem steht ihm die eigene Erneuerung: das Emporwachsen des neuen Menschen aus dem alten, des lebendigen Gottmenschen aus dem Dämmerschlaf des Herdenmenschen, und die stufenweise Wandlung des zeitlichen Daseins in das Ewige Leben, das immer höher führt.